Herrscherdynastien: Die Staufer

Das Reich im Wandel

Die späten Salier waren an den rasanten gesellschaftlichen Entwicklungen gescheitert, die sich mit einem autokratischen Königtum nicht mehr vereinbaren ließen. Seit der Jahrhundertmitte hatten die Reichsfürsten immer stärker ihren Anteil am Reichsregiment eingefordert. Nicht allein der König, auch die Herzöge, Grafen und Bischöfe trugen die Verantwortung für das Wohlergehen des Reiches. "Die Missachtung der Fürsten ist der Untergang des Reiches", mahnte der junge Heinrich V. selbst. Sein Großvater und Vater hatten sich diesem Herrschaftsprinzip verschlossen und schwere Konflikte heraufbeschworen. Erst der letzte Salier Heinrich V. hat langsam den Weg zu einer Königsherrschaft mit den Fürsten beschritten. Seine Dynastie sollte jedoch mit seinem kinderlosen Tod im Jahr 1125 erlöschen, und so blieb es anderen vorbehalten, den eingeschlagenen Weg weiter zu beschreiten.

Die erstarkten Fürsten wählten 1125 den mächtigen Sachsenherzog Lothar von Supplinburg zu ihrem neuen König. In älteren Darstellungen wurde Lothar III. meist knapp als dem Papste treu ergebener "Pfaffenkönig" abgehandelt. doch er leistete einen großen Beitrag zur Stabilisierung und Befriedung des Reiches nach den schweren Jahren des "Investiturstreites" und entwickelte auch eine eigenständige Politik gegenüber dem Papsttum. eine eigene Dynastie konnte er allerdings nicht begründen. Obwohl er seinen Schwiegersohn, den Welfenherzog Heinrich den Stolzen als seinen Nachfolger designierte, konnte sich der Staufer Konrad III. 1138 in einer staatsstreichartigen Königswahl gegen den Welfen durchsetzen. Als Herzöge von Schwaben und Verwandte des salischen Kaiserhauses waren die Staufer seit dem ausgehenden 11. Jahrhundert in die Spitzengruppe der Adelsfamilien im Reich aufgerückt. Insbesondere Konrad war es schon während der Lebensjahre Lothars III. geglückt, viele der Reichsfürsten für sich zu gewinnen. Dennoch war seiner Königsherrschaft wenig Glück beschieden. Zwar gelang ihm ein moderater Ausbau des staufischen Hausgutes, der schier unauflösliche Dauerkonflikt mit den Welfen und eine schwere Krankheit in seinen letzten Lebensjahren mussten seine Herrschaft jedoch nahezu paralysieren. Als er 1151 starb, wählten die Fürsten daher nicht Konrads III. 7-jährigen Sohn, sondern seinen gut 30-jährigen Neffen Friedrich, den herzog von Schwaben, zum neuen König. Auf die "Zeit des Weinens" sei nun die "Zeit des Lachens", auf die "Zeit des Krieges die "Zeit des Friedens" gefolgt, konstatierte Geschichtsschreiber Otto von Freising.

Stauferzeit

Über seine Mutter Judith war Friedrich selbdst mit den Welfen verwandt, und so ruhte auf ihm als dem entscheidnden Verbindungslied zwischen Staufern und Welfen die Hoffnung der Fürsten auf Frieden im Reich. Tatsächlich sollte er die nächsten dreißig Jahre mit seinem Vetter Heinrich dem Löwen, Herzog von Sachsen und Bayern, eng und vertrauensvoll zusammenarbeiten. Aus der späten Salierzeit hatte Friedrich, der wegen seines roten Bartes den Beinamen "Barbarossa" erhielt, schwere politische Hypotheken übernommen. Die Rangfrage zwischen weltlicher und geistlicher Gewalt war im "Investiturstreit" nicht gelöst worden und schwelte als leicht entflammbare Glut weiter.

Für einen Aufruhr sortge ein Brief, in dem Papst Hadrian IV. das Kaisertum als Lehen (beneficium) bezeichnete, das Barbarossa aus seiner Hand empfangen habe. Die Empörung der königlichen Gefolgsleute über diesen ungeheuerlichen Affront hätte die päpstlichen Gesandten fast das Leben gekostet. Als im Jahr 1159 nach einer Doppelwahl zwei Päpste den Stuhl Petri für sich beanspruchten, sah der Kaiser seine Chance gekommen, die Kirchenspaltung in seinem Sinne zu entscheiden und damit seine kaiserliche Autorität als höchste Instanz auf Erden zu manifestieren. Friedrichs I. Pläne aber gingen nicht auf. Achtzehn Jahre kämpfte er verbissen und letztlich erfolglos gegen den ihm verhassten Papst Alexander III., während der von ihm favorisierte Viktor IV. und dessen Nachfolger niemals zur allgemeinen Durchsetzung gelangen konnten. Barbarossas Scheitern hatte seine Ursache nicht zuletzt in einem weiteren Konflikt, der sich immer mehr mit dem Alexandrinischen Schisma (schisma =Kirchenspaltung) verwob. Mailand und andere reiche oberitalienische Städte verweigerten dem Kaiser die Anerkennung und die Leistung von Abgaben (regalien). Obendrein stellten sie sich auf die Seite Papst Alexanders III. und verbündeten sich gegen den Staufer.

Sechsmal zog Friedrich nach Italien und rannte gegen die abtrünnigen Städte an. Ihre Unbotmäßigkeit war eine nicht hinzunehmende Verletzung der Ehre (honor) des Kaisers und des Reiches! Friedrichsmaßlose Wut, mit der er Mailand und Pavia dem Erdboden gleichmachte, machte die »deutsche Raserei« (furor teutonicus) sprichwörtlich. Doch am Ende stand Barbarossa als Verlierer da. In Venedig musste er 1177 Papst Alexander III. als höchste Autorität auf Erden anerkennen und 1183 mit den oberitalienischen Städtn Frieden schließen. Die Staufer propagierten nun eifrig die Vorstellung eines Kaisergeschlechts (imperialis prosapia) , das seinen Ursprung in Gott selbst und nicht in der Gunst des Papstes hatte. Der staufische Hof begann, sich in ritterlicher Pracht zu entfalten. Mit der ersehnten Befreiung Jerusalems auf dem dritten Kreuzzug wollte Friedrich 1. am Ende seines Lebens noch einmal unsterblichen Ruhm erlangen. Doch blieb ihm das Erreichendes Heiligen Landes versagt. Beim Bad ertrank er 1190 in den Fluten des Flusses Saleph.
Mit der Herrschaft von Barbarossas Sohn Heinrich VI. trat das Normannenreich in Sizilien und Unteritalien verstärkt in das Blickfeld des Reiches. Im Jahr 1086 heiratete der junge König Konstanze, eine Tochter des Normannenkönigs Roger II. Als drei Jahre später ihr Neffe Wilhelm II. kinderlos starb, war sie die Erbin Siziliens. Die sizilischen Großen, die befürchteten, Konstanzes Gatte wolle die Herrschaft über das Normannenreich selbst ausüben, reagierten, indem sie Tankred von Lecce, einen illegitimen Enkel Rogers II., auf den sizilischen Thron hoben. Erst dessen Tod machte dem Stauferkaiser Heinrich VI. den Weg nach Sizilien frei. An Weihnachten 1194 ließ er sich zum König Siziliens krönen.

Nur einen Tag später wurde ihm sein Sohn Friedrich geboren. Von entscheidender Wichtigkeit wurde es nun für Heinrich VI., dem Knaben nicht nur die sizilische Krone, sondern auch das römisch-deutsche Königtum zu sichern. Den Reichsfürsten machte er das verlockende Angebot, ihre Reichslehen in männlicher wie weiblicher Linie erblich zu machen. Dafür sollte auch das Königtum als Erbkönigtum auf ewig im staufischen Kaisergeschlecht verankert bleiben. obwohl Heinrichs »Erbreichsplan«letztlich an der Zustimmung der Fürsten scheiterte, die ihr Wahlrecht nicht aufgeben wollten, erreichte der Kaiser 1196 die Krönung seines Sohnes zum römischdeutschen König. Bevor Heinrich VI. sein Kreuzzugsversprechen einlösen konnte, das er 1195 gegeben hatte, starb er 1197 in Messina.
Die Reichsfürsten setzten in dieser Situation nicht auf den dreijährigen Friedrich II., der sich im fernen Sizilien aufhielt. Während die einen Heinrichs VI. Bruder Philipp von Schwaben zum König ausriefen, erhoben die anderen den Welfen Otto IV. von Braunschweig. Welcher der beiden Könige sich durchsetzen konnte, hing in entscheidendem Maße von der Unterstützung des Papstes ab. Innozenz In., der eine Umklammerung durch die Staufer fürchtete, sollten diese sowohl Sizilien als auch das römisch-deutsche Reich in Händen halten, wandte sich daher dem Welfen Otto IV. zu. Sein Gegner Philipp jedoch hatte seit 1204 unter den Reichsfürsten immer mehr Anhänger gefunden. Gerade als es so aussah, als könne er als Sieger aus dem Thronstreit hervorgehen, wurde Philipp von Schwaben 1208 infolge eines privaten Streites in Bamberg ermordet. Ein Jahr später wurde Otto IV. von Innozenz III. zum Kaiser gekrönt. Der Papst sollte diesen Schritt bitter bereuen, als Otto sogleich versuchte, nun seinerseits die Herrschaft über Sizilien an sich zu bringen. Sofort wandte sich eine Fürstengruppe dem Staufer Friedrich 11. zu, der sich militärisch rasch gegen den Welfen durchsetzen konnte. Mit einer erneuten Königskrönung in Aachen besiegelte er 1215 die politische Niederlage Ottos IV.

Das Staunen der Welt

Dem jungen Stauferkönig schien einfach alles zu gelingen. Für seine Zeitgenossen war FriedrichI1. das »Staunen der Welt.« Das Normannenreich in Sizilien war ein Schmelztiegel verschiedenster kultureller und religiöser Tradi1tionen, aus dem Friedrich reichlich schöpfte. Er war hoch gebildet, sprach Italienisch, Altfranzösisch, Latein, Griechisch und Arabisch. Er überraschte die Menschen des 13. Jahrhunderts mit seiner wissenschaftlichem Neugierde und der Akribie, mit der er sein Königreich Sizilien zu einem effektiven »Beamtenstaat« formte. Mit seinem Lehrbuch über die Falkenjagd (De arte venandi rum avibus) setzte er sich sogar ein literarisches und maturwissenschaftliches Denkmal.
1220 empfing Friedrich nicht nur die Kaiserkrone, sondern hatte davor schon erreichen können, dass sein Sohn Heinrich (VII.) (sprich: der »siebte«) zum römisch-deutschen König gewählt wurde. Diese Wahl hatte ihm ein umfangreiches Privileg ermöglicht, in dem er den geistlichen Fürsten im Reich bedeutende königliche Regalien wie das Münz- oder Zollrecht zugesprochen hatte. Zwölf Jahre später erließ er ein ähnliches Gesetz zugunsten der weltlichen Fürsten. Zwar hatte er dem Papst zugesagt, er wolle eine administrative Trennung des Reiches und Siziliens einhalten, faktisch befand sich der Nachfolger Petri aber genau in der stets gefürchteten staufischen Umklammerung.
Trotzdem hatte Papst Honorius III. der Kaiserkrönung des Staufers wohl deshalb zugestimmt, weil er sich endlich die Erfüllung des Kreuzzugsversprechens erhoffte, das Friedrich nun schon wiederholt geleistet und bislang nie eingelöst hatte. Als der Kaiser 1227 wegen einer Seuche seinen Aufbruch ins Heilige Land erneut verschob, war die Geduld des Papstes erschöpft und er exkommunizierte den Kaiser. Die Wirkung, die der Kirchenbann einst auf Heinrich IV. und seine Zeitgenossen gehabt hatte, war im 13. Jahrhundert längst verpufft. Zum Entsetzen Gregors IX. brach Friedrich 1228 mit einem nur kleinen Heer ins Heilige Land auf. Dass er als Gebannter nicht auf Kreuzzug gehen durfte, schockierte zwar den Papst und Friedrichs politische Gegner, war für ihn selbst aber nicht von Belang. Seit 1225 war er mit Isabella von Kastilien, einer Tochter des verstorbenen Königs Johann von Jerusalem verheiratet und erhob daraus Ansprüche auf die Krone des Kreuzfahrerreiches. Zum Erstaunen aller erreichte Friedrich H. sein Ziel nicht mit Gewalt, sondern allein durch äußerst geschickte Verhandlungen. Jerusalem sollte mit Ausnahme des Tempelbezirks für die nächsten zehn Jahre christlich werden. Der Staufer triumphierte: 1229 setzte sich Kaiser Friedrich II. in der Grabeskirche selbst die Krone des Königreichs Jerusalem selbst aufs Haupt.
Zu einer dauerhaften Versöhnung mit dem Papst kam es freilich nicht mehr. Im Gegenteil eskalierte die Auseinandersetzung Friedrichs II. mit Gregor IX. und seinem Nachfolger.Innozenz IV. zu einem regelrechten „Endkampf“ zwischen Kaiser und Papst. Im Jahr 1245 wurde der Staufer von Papst Innozenz für abgesetzt erklärt. Sein Tod 1250 beendete nicht nur die Herrschaft eines Kaiers, sie schon zu seinen Lebzeiten mystisch verklärt worden war, sondern ließ das Stauferreich nördlich und südlich der Alpen zusammenbrechen. Eine Ära war zu Ende gegangen, das Interregnum hatte begonnen.


Quelle: BUTTINGER 2005


Friedrich Barbarossas Hochzeit mit Beatrix von Burgund am 17. Juni 1156
Fresko von Gianbattista Tiepolo im Kaisersaal der Würzburger Residenz.