Die neue Orthografie, 2. Teil

nichts sagenden neuen Zierrat an einem Regelwerk hält, das außer Acht zu lassen ihm bisher schon schwer gefallen ist, wie er im Nachhinein missvergnügt und ein bisschen belämmert feststellen muss.

Vieldeutiges Stammprinzip

Es ist nahe liegend und darüber muss man sich bis ins Kleinste im Klaren sein: es- kommen raue, aber rohe und zähe Zeiten, für Jung und Alt und Arm und Reich, nicht nur für Kängurus, Delfine und Gämsen, für Panter und Tunfische. Jeder "Stengel" muss gewärtigen, orthografisch zu Recht zum Stängel zurechtgestutzt zu werden, jede "Schneewächte" muss sich zur Schneewechte umschreiben lassen, aus jeder "Schenke" kann im Hand- und Wortumdrehen eine Schänke werden - immer der fragwürdigen Logik des viel beschworenen und viel besprochenen, aber

dennoch vieldeutigen Stammprinzips gehorchend, dem zufolge wir uns in Hinkunft zwar werden schnäuzen müssen, wenn wir am Ende nicht verbläut werden wollen, trotzdem aber die Älteren weiterhin als Eltern werden ehren dürfen.
Wie das?, fragen wir verwirrt, und werden im Folgenden belehrt. Das Stammprinzip verfolge das Ziel, die gleiche Schreibung eines Wortstammes möglichst in allen Wörtern einer Wortfamilie sicherzustellen, erfahren wir. Dennoch ist die neue Orthografie im Zweifelsfalle lieber unlogisch als pingelig. Etymologische Pedanterie oder auch nur Folgerichtigkeit wird ihr keiner nachsagen können. Trotz allem, was da krauchen mag, bleibt's beim Kreuchen und Fleuchen. Kein Kerl muss sich den innewohnenden Karl künftig anmerken lassen, man darf edel sein und doch auf den Adel dahinter vergessen, man darf fertig sein, ohne fahrtbereit, "fährtig" sein zu müssen.

nächste Seite vorige Seite