Am Anfang auch radikale Änderungen der Rechtschreibung erwogen
Dennoch ist das Ergebnis gutzuheißen / Von Hermann Unterstöger
Sehr fromme Leute erachten es für nützlich, in Lebenskrisen die Bibel blind aufzuschlagen und auf eine beliebige Stelle zu deuten. Sie glauben, daß Gott ihnen die Hand geführt habe, und fahren mit dem dergestalt eruierten Schriftwort oft in der Tat nicht schlecht. Bei einem kurzen Test, anläßlich der eben beschlossenen Orthographie-Reform mit Bertelsmanns "Neuer deutscher Rechtschreibung" angestellt, öffnete sich das auf den Rücken gestellte Buch auf den Seiten 390/391. Folgende Neuerungen seien referiert: Fistel darf künftig in Fis-tel getrennt werden; aus Fitneß wird Fitness; flackern wird bei der Trennung nicht mehr zu flak-kem, sondern zu fla-ckern; der Flageoletton bekommt drei t und wird zum Flageolettton; das Flamboyant kann man in Flam-boy-ant oder Flam-bo-yant zerlegen.
Nimmt man dieses Teilergebnis fürs Ganze, so wird man kaum umhinkommen, die Reform gutzuheißen. Waren uns die behauptete Untrennbarkeit des st oder die Metamorphose des ck in k-k nicht immer schon ein Dorn im Auge? Ist das Doppel-s bei Fitness nicht ebenso vernünftig wie etwa bei Gebrumm das Doppel-m? Und juckte es uns beim fast täglichen Gebrauch des Wortes Flamboyant nicht seit eh und je in den Fingern, den Trennungsstrich vors y zu setzen? Der Flageolettton freilich ist so gewöhnungsbedürftig wie die Stammmutter oder allenfalls stattfindende Pufffeste.
Die Geschichte der Rechtschreibung und ihrer Fortentwicklung ähnelt einer Reise zwischen zwei Polen, nämlich zwischen der Sprachwissenschaft und der Pädagogik, wobei es keinem der beiden je gelang, den Karren auf Dauer nach seiner Seite zu ziehen. So schlingert er denn seit Jahrhunderten recht und schlecht dahin, zur. Linken die Etymologen mit ihren Wortstimmen und sonstigen sprachgeschichtlichen Tatsachen, zur Rechten die Menschenfreunde mit ihrer Forderung, man möge die geschriebene Sprache - als ein Instrument vornehmlich der Verständigung - doch bitte den Ansprüchen und Fähigkeiten ihrer Benutzer anpassen. Zu einem praktikablen und weiträumig gültigen Kompromiß kam es erst 1902, als die von Konrad Duden überarbeitete preußische Orthographie für alle deutschen Länder verbindlich wurde.
In den fünfziger Jahren hoben die Reformwilligen wieder deutlich ihr Haupt. Zu umstrittener Berühmtheit brachten es insbesondere die "Wiesbadener Empfehlungen" von 1958, die dann aber doch zu den Akten gelegt wurden, nicht zuletzt deswegen, weil sie unter ihren Neuerungen auch das Schreckgespenst der "gemäßigten Kleinschreibung" führten. Die einstige IG Druck führte sie über Jahre hinweg ihren Mitgliedern gedruckt vor Augen; heute ist die Zeitschrift der neuen IG Medien wieder traditionell groß und klein gesetzt.
1987 wurde der Faden erneut aufgenommen. Im Auftrag der Kultusministerkonferenz und des Bundesinnenministeriums sollte das Mannheimer Institut für deutsche Sprache Reformvorschläge ausarbeiten. An fünf Punkten war anzugreifen: Zeichensetzung, Silbentrennung, Getrennt- und Zusammenschreibung , Laut-Buchstaben-Beziehung, Fremdwortschreibung; den diffizilen Komplex der Groß- und Kleinschreibung hielt man vorderhand unter Verschluß.
In Ernest Hemingways bekanntester Erzählung versucht der Fischer Santiago einen stattlichen Fisch heil in den Hafen zu bringen: der wird ihm jedoch von Haien so zugerichtet daß er nur das Gerippe heimbringt. Kindlers Literaturlexikon attestiert dem alten Mann christusähnliche Züge. Vielleicht ist das den Orthographie-Reformern, die auch nur ein Skelett retten konnten, ein kleiner Trost.