Bericht im Straubinger Tagblatt vom 2. Juli 1996

-> Schlagzeile

-> Grafik

Der Präsident der deutschen Kultusministerkonferenz, Karl-Heinz Reck, würdigte die Unterzeichnung als "wichtiges, vielleicht sogar historisches Datum für die deutsche Sprachgemeinschaft". Ziel der Neuregelung sei es, "zu einer Vereinfachung der Schreibweise beizutragen und im Laufe der Zeit entstandene Ungereimtheiten zu beseitigen", erklärte der Kultusminister von Sachsen-Anhalt. Jetzt hoffe er darauf, daß die Reform allgemein akzeptiert werde.

Die ganz Kleinen werden die neuen Schreibweisen am schnellsten lernen: In den sechs Bundesländern Bayern, Baden-Württemberg, Niedersachsen, Berlin, Sachsen und Thüringen werden alle Erstklässler [sic!] schon ab dem kommenden Schuljahr nach den reformierten Regeln unterrichtet - in sechs weiteren Bundesländern ist es den Schulen freigestellt, zumindest den Abc-Schützen nicht mehr die alten Regeln beizubringen. Die neuen Regeln sind in den Duden aufgenommen, der Ende August erscheinen soll.

Die wichtigsten Änderungen sind folgende: Das "ß" nach kurzen Vokalen wird zu "ss" (aus daß wird dass). Zusammengesetzte Wörter werden meist getrennt geschrieben (statt radfahren künftig Rad fahren). Am Zeilenende wird nach Silben getrennt (Wes-te). Die Zahl der Kommaregeln wird von 52 auf neun verringert.

In Artikel III der Erklärung verpflichten sich Deutschland, Österreich und die Schweiz, Experten in eine Kommission für die deutsche Rechtschreibung zu entsenden, die beim Institut für deutsche Sprache in Mannheim eingerichtet wird.

Die Vereinbarung wurde auch von vier Ländern mit deutschsprachigen Minderheiten unterzeichnet: Belgien, Italien, Rumänien und Ungarn. Die österreichische Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer begrüßte die Mitwirkung ehemaliger Staaten des Ostblocks. Bei der Neuregelung der Rechtschreibung sei der "Lebendigkeit und Differenziertheit" der deutschen Sprache ebenso Rechnung getragen worden wie pädagogischen, kulturpolitischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten, sagte die österreichische Ministerin.

Der Bundeselternrat forderte eine schnelle und bundeseinheitliche Einführung der Reform. Der Vorsitzende Peter Hennes sagte, die zeitlich unterschiedliche Einführung in den Ländern werde bei einem Umzug der Familie zu Schwierigkeiten für die Kinder führen. Die Kinder würden dann in einer anderen Schule plötzlich nach ganz anderen Schreibregeln unterrichtet.

Überwiegend positive Auswirkungen für die Schule" erwartete der Deutsche Philologenverband von der Reform. In einer am Montag in Bonn veröffentlichten Mitteilung verwies der Verbandsvorsitzende Heinz Durner darauf, daß es in ersten Tests bereits positive Erfahrungen mit den neuen Regeln gebe. Bei der Korrektur nach den neuen Regeln habe sich "die Gesamtfehlerzahl um bis zu 40 Prozent reduziert".