Straubinger Tagblatt vom 28. Juni 1996

Die Katastrofe wurde gerade noch verhindert


Statt 212 Regeln bald nur noch 112 - Schulen wollen sich "langsame Strategie" zurechtlegen

Landshut/Straubing. Es wird keine Katastrofe geben. Berufene Leute haben hin und her überlegt, erwogen und verworfen, was denn nun in der deutschen Rechtschreibung reformiert werden muß. Herausgekommen ist ein abgespecktes Regelwerk: Statt 212 Rechtschreibregeln soll es künftig nur noch 112 geben. Wer mit den Kommaregeln auf Kriegsfuß steht, kann sich freuen: Die im Duden aufgeführten 38 Regeln rund um den kleinen Strich wurden auf neun reduziert. Anfang Juli werden die deutschsprachigen Länder den Staatsvertrag unterzeichnen. Am 1. August 1998 tritt die Neuregelung der Rechtschreibung in Kraft. Doch solange will der Freistaat nicht warten: Schon ab dem kommenden Schuljahr sollen die neuen Regeln in Bayerns Schulen eingeführt werden. Doch bei vielen Lehrern herrscht noch Ratlosigkeit vor: Es gibt kein Material, viele Lehrer sind mit den neuen Regelungen noch nicht vertraut.

Rechtschreiben soll in Zukunft leichter werden, versprechen die Reformer. Man straffte hier und systematisierte dort und schmiß hundert Regeln einfach in den Papierkorb. Klarheit soll nun vor allem dort eintreten, wo man sich bisher mit Ausnahmen herumgeärgert hat. Problemfälle bei

der Groß- und Klein- bzw. Getrennt- und Zusammenschreibung. So werden Substantive in festen Fügungen wie außer Acht lassen in Bezug auf künftig großgeschrieben. Grundsätzlich gilt, daß zwei im Text aufeinanderfolgende Wörter wie Rad fahren, nahe stehend, sitzen bleiben getrenntgeschrieben werden. Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel.
Auch bei der Zeichensetzung hat man abgespeckt: 38 Kommaregeln führte der Duden auf ergänzt durch 23 Ausnahmen. Künftig wird man sich nur noch neun merken müssen. Schreiber können freier entscheiden, ob ein Komma für das Verständnis eines Satzes notwendig ist. Die Neuregelung sieht auch vor, daß nach Frage- und Ausrufezeichen ein zusätzliches Komma stehen muß: "Kommst du morgen?", fragte sie.
Die wohl auffälligste Neuregelung betrifft den ss. Nach langem Vokal wie in Fuß steht weiterhin ß, nach kurzem Vokal folgt ss (Kuss, nass).
Die Eindeutschung der Fremdwörter sorgte für eine große Diskussion bei den Reformern. Schließlich einigte man sich darauf, daß Varianten zugelassen werden. So steht künftig Chicorée neben Schikoree, Yacht neben Jacht und Joghurt neben Jogurt. Abgelehnt wurden Vorschläge wie Alfabet, Katastrofe oder Zellofan.

[-> zur Umsetzung in den bayrischen Schulen]