Straubinger Tagblatt vom 15.12.1995

Die Rechtschreibreform tritt ab 1998 in Kraft

Länder billigen den Kompromiß - Mehr Geld für Hochschulsonderprogramme verlangt

Bonn. (AP/dpa) Die Reform der deutschen Rechtschreibung kann jetzt ab 1998 in Kraft treten. Die Ministerpräsidenten der Länder gaben dafür am Donnerstag in Bonn grünes Licht und billigten damit einen entsprechenden Kompromißvorschlag ihrer Kultusminister. Durch die Reform soll die Rechtschreibung vieler Wörter künftig leichter und der mündlichen Aussprache angepaßt werden. Aus 212 Rechtschreibregeln sollen 112 werden, von 52 Kommaregeln bleiben nur noch neun übrig. Eine Übergangsregelung soll bis zum Jahr 2005 gelten.
Die Kultusminister hatten sich bereits vor zwei Wochen auf einige Abstriche an dem im Vorfeld umstrittenen Reformwerk verständigt. So wird vor allem auf die eingedeutschte Schreibweise einiger Fremdwörter griechischen und französischen Ursprungs verzichtet. Ein "Restorant", wie ursprünglich vorgesehen, wird es nicht geben. Auch der "Thron" behält sein "h".

Offiziell soll die Rechtschreibreform nun durch einen Staatsvertrag mit der Schweiz und Österreich besiegelt werden. Seitens der Länder gebe es keine Vorbehalte mehr, versicherten Teilnehmer am Rande der Sitzung der dpa. Die Kultusminister werden von den Regierungschefs beauftragt, die Öffentlichkeit über das Reformwerk in den nächsten Monaten besser als bisher zu informieren. Zwar wolle man auch noch mit dem Bundeskanzler darüber reden. .Doch auf der Länderseite sei nun alles klar. Der Bund hat keine Einwände geäußert. Für die Rechtschreibung in den Schulen sind allein die Länder zuständig. Die Amtssprache in den Behörden regelt der Bundesinnenminister per Erlaß.

Mit der Reform sollen vor allem scheinbar unlogische Regeln der deutschen Rechtschreibung systematisiert werden. Grundsätzlich soll eher getrennt als zusammen geschrieben werden, mehr groß als klein . Auffällig ist dabei besonders die neue Schreibweise zusammengesetzter Wörter, die damit auch drei gleiche Buchstaben erhalten, so zum Beispiel "Stillleben" und "Stammmutter".
Die Stammschreibung soll konsequenter durchgesetzt werden. So wird der "Stengel" zum "Stängel" (abgeleitet von Stange), "überschwenglich" zu "überschwänglich" (von Überschwang). Bestimmte ungereimte Einzelfälle bei der Schreibweise sollen sich in ein System einfügen, beispielsweise soll "rauh" zu "rau" werden, weil man "grau" und "schlau" auch ohne "h" schreibt.
Deutliche Kritik übten die Regierungschefs an der Sparpolitik des Bundes im Hochschulbereich. [...]