Süddeutsche Zeitung vom 2./3.12.1995, S. 1

Kultusminister verhindern das Eindeutschen von Fremdwörtern
Rechtschreibreform soll vom August 1998 an gelten
Zustimmung der Regierungschefs gilt als sicher / Bis 2005 sind neben den neuen auch die bisherigen Regeln richtig

Mainz (dpa/AP) - Die Kultusminister haben am Freitag auf ihrer Konferenz in Mainz der Rechtschreibreform zugestimmt. Die neuen Regeln sollen vom 1. August 1998 an gelten. Die Zustimmung der Ministerpräsidenten gilt jetzt als sicher, nachdem sich die Kultusminister auf einige Abstriche an der Reform verstãndigt haben. Einig wurden sich die Minister auch über das Abitur.

Die Rechtschreib- und die Kommaregeln werden wie geplant stark vereinfacht. Verzichtet wurde aber auf das umstrittene Eindeutschen von Fremdwörtern wie Katastrofe (für Katastrophe) oder Alfabet (für Alphabet). Erlaubt werden jedoch Delfin, Tunfisch und Panter. Das "ß" nach kurzen Vokalen ist durch "ss" zu ersetzen ("Fass"). Nach langem Vokal bleibt das Eszett ("Fuß"). Zusammengesetzte Wörter wie Radfahren werden grundsätzlich getrennt geschrieben ("Rad fahren"). Scheinhauptwörter werden groß geschrieben ("im Allgemeinen", das Weite suchen"), ebenso Tageszeiten (heute Morgen). Am Zeilenende werden Wörter nach Sprechsilben getrennt (Weste). Viele häufig falsch geschriebene Wörter werden dem gesprochenen Deutsch angepaßt, teilweise auch als Alternativ-Angebot. So ist künftig ein "potenziell" und "existenziell" vorgesehen (bisher "potentiell", "existentiell").

Auf Beschluß der Minister wird die ursprünglich für 1997 geplante Reform um ein Jahr verschoben. Bis zum Jahr 2005 sollen die bisherigen Schreibweisen in den Schulen nicht als falsch, sondern als "überholt" gekennzeichnet und von den Lehrern bei Korrekturen mit den neuen Schreibweisen ergänzt werden. Als Folge der langen Übergangsfrist müssen wegen der Rechtschreibreform keine Schulbücher neu gedruckt werden.
Die 16 Ministerpräsidenten werden den Beschluß voraussichtlich am 14. Dezember nach ihrem Treffen mit dem Bundeskanzler billigen. Mit Österreich und der Schweiz sei er schon abgestimmt, berichtete in Mainz die Hamburger Kultussenatorin Rosemarie Raab. Der Jenaer Jura-Professor Rolf Gröschner kündigte an, er werde Verfassungsbeschwerde einlegen.
Weiter vier Abitur-Prüfungsfächer
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